domingo, 26 de noviembre de 2006

Peru: Der andere Weg ins Internet

Uwe Afemann Universität Osnabrück (Dezember 1998)

Peru ist ein Land mit ca. 25 Millionen Einwohnern. Das Bruttosozialprodukt pro Einwohner beträgt in diesem Andenstaat nur 3.939 Dollar und ca. die Hälfte aller Menschen lebt dort unterhalb der Armutsgrenze. Nicht zuletzt deshalb ging es wohl seinen eigenen Weg, um sich ans Internet anzuschließen.


Erste Versuche sich zu vernetzen begannen bereits 1985 mit finanzieller Unterstützung durch die IBM. Doch das Projekt PERNET scheiterte kläglich. Über eine Vernetzung einiger weniger Universitätsverwaltungen ohne großen Informationsgewinn kam PERNET nicht hinaus. Auch ein zweiter Versuch, diesmal angeführt durch die Nichtregierungsorganisation DESCO, war aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht zu realisieren. Doch Ende 1991 gelang endlich, was bis dahin nicht für möglich gehalten wurde. Mehrere Nichtregierungsorganisationen, auch diesmal unter Beteiligung von DESCO, starteten, ausgerüstet mit einem 386er-PC und einer Anschubfinanzierung von 3000 Dollar durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, einen E-Mail Dienst, um sich an das weltweite Datennetz anzuschließen. Für täglich zehn Minuten verband sich das RPC, das peruanische Wissenschaftsnetz, telefonisch mit dem Bundesstaat Oregon in den USA, um elektronische Post zu empfangen und abzuschicken. Drei Jahre später wurden dann zwei Satellitenstrecken geschaltet. Eine davon ging nach Homestead in Florida ins Netz des amerikanischen Telefonanbieters Sprint und die andere nach Philadelphia ins Netz von MCI, geschaltet. Seit diesem Zeitpunkt ist Peru vollständig ans Internet angeschlossen.

Wer oder was aber ist das RCP? Was ist das besondere an dieser Organisation?

Das RCP, Red Científica Peruana, ist ein selbstverwalteter Zusammenschluß von Nichtregierungsorganisationen und einigen Einzelpersonen. RCP wurde gegründet, um das Andenland aus seiner Isolation heraus auch an den Möglichkeiten des weltweiten Datenaustausches teilhaben zu lassen. Ziel ist nicht die Erwirtschaftung von Gewinnen, sondern das Anbieten von Internetanschlüssen zu Selbstkostenpreisen für Bildungseinrichtungen, Wirtschaftsunternehmen, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen. Hierdurch soll die wirtschaftliche Entwicklung des Landes gefördert werden, und den Menschen sollen mehr Informationsmöglichkeiten zu finanzierbaren Preisen geboten werden. José Soriano, Mitbegründer des RCP, erklärte das Anliegen von RCP in einem Interview mit der US-amerikanischen Zeitschrift Newsweek im Januar 1995 folgendermaßen: "Heute werden die Netze von Eliten genutzt. Nur wer bereits Informationen besitzt, bekommt mehr."

Was ist aus den Wünschen und Hoffnungen geworden?

Gegenwärtig gibt es drei große Internetanbieter in Peru. Das RCP mit einem Marktanteil von 76 % Ende 1997 ist der größte davon. Die Telefónica Peruana, eine Tochter der spanischen Telecom, welche 1993 die staatliche peruanische Telefongesellschaft übernahm, ist mit Infovia und UNIRED vertreten. Der dritte große Anbieter ist IBM mit Global Link. Daneben gibt es über 50 weitere Internetanbieter im ganzen Land.

Nach Angaben der Internationalen Telecommuncation Union aus Genf nutzten 31.000 Peruaner im Oktober 1997 das Internet. Gegenwärtig dürften es wohl eher 80.000 Nutzer sein. Gemessen an der Einwohnerzahl von 25 Millionen ist dies recht bescheiden, nicht einmal ein halbes Prozent. In Deutschland sind es immerhin 7,3 % der Bevölkerung, die im Internet surfen.

Woran liegt es, daß so wenige Perauner das Internet nutzen?

Das liegt zum einem an der schlechten wirtschaftlichen Lage und den geringen Einkommensverhältinissen. Obwohl nach offiziellen Angaben die Arbeitslosigkeit bei nur knapp 9 % liegt, haben doch nur ca. 15 % aller Peruaner eine feste Anstellung. Der gesetzlich festgelegte Mindestlohn liegt bei 368 Soles, umgerechnet ca. 120 Dollar. Doch nur wenige verdienen mehr. Ende 1998 verdienten 39 % aller Arbeiter weniger als zum Überleben notwendig ist, und kaum einer ist sozial abgesichert. In Lima, der Hauptstadt Perus, gilt derjenige als arm, der weniger als 1.741 Soles monatlich zur Verfügung hat.

Um einen Internetanschluß nutzen zu können, braucht man als erstes einen PC. Anfang 1997 gab es in Peru nur 465.000 Personalcomputer. Neben dem PC braucht man elektrischen Strom. Nur 44 % aller peruanischen Wohnungen besitzen diese Voraussetzung. Im ländlichen Bereichen beträgt die Elektrizitätsrate gar nur 12 %. Und selbst dort, wo versucht wird, dies zu ändern, stößt es nicht immer auf die erhoffte Gegenliebe. Als sich eine Schülergruppe aus Osnabrück im Sommer 1998 zu einem Besuch ihrer Partnerschule in Puno aufhielt, erfuhr sie von den Protesten der Bauern in dieser Region. Die Bauern konnten mit dem elektrischen Stroms nichts anfangen: Sie besitzen einfach nicht genügend Geld, um die Stromrechnungen zu bezahlen.

Und letztendlich benötigt man einen Telefonanschluß. Obwohl gegenwärtig 88 % des Telefonnetzes digitalisiert sind, beträgt die Telefondichte landesweit nur 6,8 Anschlüsse pro 100 Einwohner. In Deutschland sind es fast 60 Anschlüsse. Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit. Im Departement Ayacucho, wo die peruanische Guerilla "Leuchtender Pfad" entstand, gibt es nur 1,47 Telefonanschlüsse pro 100 Einwohner und in Apurimac nur 0,40 oder in Huancavelica, im peruanischen Hochland, sogar nur 0,27.

Und ein Telefonanschluß ist teuer. 1992, ein Jahr vor der Privatisierung der peruanischen Telefongesellschaft, mußte ein Peruaner 1.500 Dollar Anschlußgebühren bezahlen. Mittlerweile ist diese Gebühr auf 177 Dollar gesunken. Das ist aber immer noch zu viel für die meisten Peruaner.

Ein monatlicher Internetanschluß kostet beim RCP gegenwärtig 40 Dollar, ein Drittel eines Mindestlohnes. Unter diesen Bedingungen war es nur folgerichtig, daß das selbstverwaltete, ohne staatliche Gelder operierende RCP daranging, sogenannte "cabinas públicas", vergleichbar unseren Cybercafés, einzurichten. Hierbei handelt es sich um einen Raum mit öffentlichen Internetzugang mit 20 bis 40 PCs, der gegen eine monatliche Gebühr von 15 Dollar genutzt werden kann. In dieser Gebühr sind drei Stunden Nutzung enthalten. Jede weitere Stunde kostet 5 Soles. Z. Zt. gibt es 52 solcher "cabinas públicas", vorwiegend in den vornehmen Bezirken Limas wie Miraflores, San Isidro, Surco oder San Borja. Außerhalb der Hauptstadt existieren solche öffentlichen Internetzugänge fast nur in den Universitäten der größeren Städte wie Arequipa und Cusco.

Wer nutzt das Internet?

Hauptnutzer des Internets sind einmal Nichtregierungsorganisationen, wie z. B. die Menschenrechtsorganisation APRODEH, das sozialwissenschaftliche Institut DESCO oder die Frauenorganisation "Flora Tristan". Weitere Nutzer sind Bildungseinrichtungen, wie die Universitäten. Perus älteste Universität San Marcos kam im Mai 1996 zum 445. Jahrestag ihrer Gründung ans Netz. Staatliche und private Schulen werden seit März 1996 aufgrund des Programms RENACE ans Internet angeschlossen, und seit Juli 1997 existiert die Schulnetz-Initiative Telemática. Damit ein Schüler von zu Hause aus auf das Internet zugreifen kann, muß er monatlich 3,5 Dollar zahlen. Kein Wunder, daß die ersten Schulen, die dieses Angebot nutzten, aus den reichen Bezirken Chacarilla, San Isidro und Surco kamen.

Unternehmen, darunter die wichtigsten Banken, u. a. die Banco de Credito, Banco Wiese, Banco Sudamericano und Banco de la Nación, die Gruppe Gloria und die Lebensmittelriesen Nicolini und Nestle nutzen ebenfalls das Internet. Der peruanische Unternehmerverband Confiep schloß sich im Juli 1995 mit Geldern der Interamerikanischen Entwicklungsbank ans Netz, um mit den USA E-Mail austauschen zu können.

Im November 1993 schloß die peruanische Regierung mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen einen Vertrag zur Förderung eines Programms für Information und Kommunikation. Seit diesem Zeitpunkt sind auch die meisten Regierungseinrichtungen im Netz. Ein erster WWW-Server wurde damals im Justizministerium eingerichtet. Leider hat dies aber nicht zu einer Verbesserung des Justizsystems geführt. Zuletzt wurde Peru Anfang Dezember 1998 vom Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof aus Costa Rica wegen seiner gravierenden Mängel im Rechtssystem gerügt.

Seit Ende 1995 sind auch zahlreiche peruanische Zeitungen und Zeitschriften im Internet, so die linksoppositionelle "La República", die konservative Zeitung "El Comercio" oder die regierungsfreundliche Tageszeitung "Expreso" sowie die Zeitschrift "Caretas".

Doch wer liest diese Zeitungen im Internet? "La República" hat 80 % ihrer Zugriffe aus den USA, "Caretas" immerhin noch zu 44 %. Im April 1997 kamen nur ca. 2,82 % aller Zugriffe auf peruanische WEB-Seiten aus Peru. Ende 1996 betrug der innerperuanische Anteil noch 35 %. So verwundert es nicht, daß das RCP einen Spiegel-Server in Houston/Texas, einrichtete. Die Zugriffe der Inlandsperuaner kommen zu 85 % aus den wohlhabenden Vierteln der Hauptstadt Limas. So wie im Internet insgesamt sind auch die meisten Nutzer in Peru gut ausgebildet. 75 % von ihnen besitzen eine abgeschlossene Universitätsausbildung und weitere 12 % sind Studenten. Das Durchschnittsalter lag 1996 bei 28 Jahren.

Doch nicht nur die weiße Oberschicht Perus nutzt das Internet. Seit Oktober 1996 besitzt die Ashaninka-Gemeinde der ca. 100.000 Einwohner umfassenden Amazonasindianer einen E-Mail-Anschluß, und seit Juni 1997 kann man auch deren Internetseite besuchen. Hier findet sich eine Selbstdarstellung dieser Indianergruppe sowie einige Märchen in einheimischer und spanischer Sprache.

Zur Weihnachtszeit 1996 wurde die Weltöffentlichkeit durch die Besetzung der japanischen Botschafterresidenz in Lima auf Peru aufmerksam. Damals konnten wir die Vorgänge auch im Internet verfolgen. Sowohl die Guerillaorganisation MRTA als auch der peruanische Staat verbreiteten über das Internet ihre Sicht der Dinge. Neben der kubanisch ausgerichteten Guerilla des MRTA ist auch die weitaus größere Gruppe der Leuchtende Pfad im Internet vertreten.

Per Internet war es vor allem den Auslandsperuanern möglich - ca. eine Million leben allein in den USA - über die politischen Vorgänge in ihrem Heimatland zu diskutieren. Hierzu bedienten sie sich einer Diskussionsliste (peru@cs.sfu.edu) , die von Kalifornien aus verwaltet wurde. Nachdem der peruanische Geheimdienst die Liste kontrolliert hatte, wichen die Mitglieder auf eine neue Liste (tumi@kern.com) aus. Doch auch diese wird nach Berichten in der newsgroup soc.culture.peru vom Dezember 1998 mittlerweile vom peruanischen Geheimdienst SIN überwacht.